Robert-Koch-Institut “RKI” | Lateral Reading (“Querlesen”) | Weltgesundheitsorganisation “WHO” | Fact-Checkers

Neben einem verändertem Kauf- und Freizeitverhalten der Menschen sind auch andere Schutzmaßnahmen sinnvoll, um die Verbreitung des Coronavirus bzw. SARS-CoV-2 (offizielle Bezeichnung des Virus) zu verlangsamen. Hinweise zum Umgang mit dem Virus sind dabei in den digitalen Medien zu Genüge vorhanden. Doch welche davon sind fachlich gesicherte Informationen und wie lassen sich Falschinformationen erkennen? In diesem Beitrag soll es um das Informationsverhalten zum Coronavirus gehen, indem zunächst Hintergrundinformationen dargelegt und anschließend anhand von Fallbeispielen die Vorgehensweisen beim Überprüfen von digitalen Informationen beschrieben werden.

Vertrauenswürdige Quellen für Informationen über das Coronavirus

Infektionsfälle des Coronavirus bzw. Covid-19 (offizielle Bezeichnung der Erkrankung durch das Virus), einer Erkrankung der Atemwege, wurden, wie durch das Robert-Koch-Institut bestätigt, mittlerweile in jedem Bundesland Deutschlands nachgewiesen (vgl. RKI 2020b). Angefangen mit dem Ausbruch im Dezember 2019 in Wuhan, einer Stadt in China, wurde das Virus im März 2020 von der Weltgesundheitsorganisation zu einer Pandemie erklärt (vgl. WHO 2020c). Seither kursieren verschiedene Informationen bzgl. des Virus in den Medien. Bürger*innen sollten hierbei darauf Acht geben, wissenschaftlich fundierten Informationen Glaubwürdigkeit zu schenken und mehr als einen Kanal zur Informationsbeschaffung hinzuziehen.

Eine Anlaufstelle stellt das Robert-Koch-Institut (RKI) dar. Als selbstständige deutsche Bundesbehörde für Infektionskrankheiten liefert das RKI stetig wissenschaftlich fundierte Informationen in Bezug auf Covid-19. Neben Informationen rund um die Erkrankung selbst werden auch Verhaltensempfehlungen ausgesprochen (vgl. RKI 2020a). Ebenso werden die aktuellen Fallzahlen zu Bundesländern und Landkreisen grafisch in einem Dashboard dargestellt (Abb. 1, vgl. RKI 2020c).

Abbildung 1: Dashboard des Robert-Koch-Instituts zu den aktuellen Fallzahlen (vgl. RKI 2020c)

Für das internationale öffentliche Gesundheitswesen berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diese führt ebenfalls Informationen zu Covid-19 an (vgl. WHO 2020b) und stellt darüber hinaus „Myth busters“ zur Verfügung, anhand derer kursierende Falschinformationen richtiggestellt werden (vgl. WHO 2020a).  Weitere vertrauenswürdige Quellen sind das Bundesministerium für Gesundheit (vgl. BMG 2020) sowie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Abb. 2, vgl. BZgA 2020). Ebenso erhalten Bürger*innen im NDR-Podcast mit dem Virologen der Berliner Charité Christian Drosten (vgl. NDR-Info 2020) Verhaltenstipps und Informationen rund um das Coronavirus. Die genannten Quellen sind sich einig, dass Abstand halten und das Befolgen von Hygienemaßnahmen sinnvolle Verhaltensregeln sind. Rund um die Erkrankung Covid-19 werden allerdings auch Fake News verbreitet. Aber wie erkennt man diese bzw. wie sollte man sich der Bewertung von Informationen diesbezüglich auf reflektierte Art und Weise nähern?

Abbildung 2: Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über das Coronavirus (vgl. BZgA 2020)

Vorgehensweisen zur Bewertung von digitalen Informationen

Die Literatur schlägt verschiedene Strategien und Techniken zur Bewertung von digitalen Informationen vor. Unter anderem haben Wineburg und McGrew (2017) in ihrer Forschung mit Studierenden, aber auch professionellen Faktenprüfer*innen die Strategie des Lateral Reading bzw. Querlesens herausgearbeitet. Die Anwendung dieser Strategie wird bei der Bewertung von digitalen Informationen empfohlen. Dieser Strategie liegen einerseits die Informationen an sich und andererseits auch die Prüfung des Informationsverbreitenden zugrunde. Dem Querlesen wird nachweislich zugesprochen, dass sich in kürzerer Zeit mehr Informationen einholen lassen (vgl. ebd.: 23). Ebenso werden bei dieser Strategie oftmals zuerst die Link-Zusammenfassungen der Ergebnisliste einer Suchmaschine überflogen, bevor die Links – wenn überhaupt – tatsächlich angeklickt werden (vgl. ebd.: 25). Professionelle Faktenprüfer*innen legen ihren Fokus zudem nicht nur auf die ersten Links der Ergebnisliste, sondern weiten diesen auf weiter unten liegende Links aus (vgl. ebd.: 33). Das Querlesen kann hierbei nicht nur über nachweislich qualitativ hochwertige Quellen erfolgen, sondern auch über Quellen wie die Wikipedia (vgl. ebd.). Insgesamt können die nachfolgenden Leitfragen für das Querlesen herangezogen werden, um Informationen auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen:

  • Wer steht hinter den Informationen?
  • Was sind die Belege?
  • Was sagen andere Quellen? (vgl. McGrew 2018).

Einen weiteren Leitfaden zur Bewertung von Informationen stellte Michael E. Caulfield (2017) in seinem Buch “Web Literacy for Student Fact-Checkers” vor. Darin schlägt er vier Schritte vor, die bei der Suche nach korrekten Informationen im Internet durchlaufen werden sollten:

  1. Bereits existierende Quellen, welche die Richtigkeit einer Information untersucht haben, finden, sodass diese Arbeit nicht durch die recherchierende Person erneut durchgeführt werden muss.
  2. “Flussaufwärts” gehen und untersuchen, woher die vorliegende Quelle ihre Informationen bezieht, um so die Originalnachricht finden zu können. So können beispielsweise Werbeanzeigen oder Kooperationen zwischen verschiedenen Informationsplattformen identifiziert werden.
  3. Andere als vertrauenswürdig eingestufte Quellen als Basis für weitere Nachforschungen heranziehen. So kann besser eingeschätzt werden, ob die betrachtete Quelle allgemein eher vertrauenswürdig ist, ob häufiger zur Publikation von Fehlinformationen tendiert wird und welche Personen oder Institutionen sich hinter der Informationsverbreitung verbergen. Diese Vorgehensweise führt im Idealfall direkt zu einer differenzierten Bewertung der vorliegenden Quelle und den dahinterstehenden Akteur*innen. Jedoch ist es auch möglich, dass in diesem Prozess Sackgassen auftauchen, an denen keine neuen Erkenntnisse gefunden werden können.
  4. An diesem Punkt empfiehlt es sich, wieder etwas zurückzugehen, um mithilfe der bereits gewonnenen Erkenntnisse eine erneute Prüfung der Information zu beginnen und so möglicherweise einen anderen Weg einschlagen zu können.

Um dieses Vorgehen zu üben, bietet der Autor einen Onlinekurs an, in welchem die einzelnen Schritte erneut erläutert und interaktiv geübt werden können (vgl. Caulfield o. J.).

Anwendung der Bewertungsstrategien auf Fallbeispiele

Im Folgenden werden die von Wineburg und McGrew (2017) sowie die von Caulfield (2017) genannten Techniken auf Fallbeispiele angewendet:

Falschmeldungen auf YouTube, Twitter oder anderen sozialen Medien verbreiten sich schnell und steuern mit ihren Aussagen unter anderem gegen die sinnvollen Schutzmaßnahmen. Auch über WhatsApp werden Kettenbriefe u. ä. Nachrichten versendet, welche vermeintlich korrekte Informationen über das Virus enthalten. Eine Information, die zuletzt über WhatsApp als Schutzmaßnahme verbreitet wurde, war, regelmäßig Wasser zu trinken, damit das Virus nicht in die Atemwege gelangen könne. 

Luftanhalten als CoronaSchnelltest?

Ebenso sollte ein Schnelltest, bei dem für zehn Sekunden die Luft angehalten wird, darüber Auskunft geben, ob eine Corona-Erkrankung vorliegt oder nicht. Wie sollten Bürger*innen nun bei der Bewertung dieser Information vorgehen? Nach McGrew (2018) ist an dieser Stelle zunächst ratsam, zu ergründen, wer hinter diesen Informationen steht. Oftmals werden in WhatsApp-Kettenbriefen jedoch keine konkreten Namen genannt, sondern nur, dass es von Expert*innen stammende Informationen seien. Darüber hinaus mangelt es an konkreten Quellen. Der erste Hinweis für Skepsis ist also die mangelnde Erwähnung von konkreten Namen oder Instituten. Folgt man der Strategie des Querlesens nach Wineburg und McGrew (2017), sollte für die Überprüfung einer solchen Information nach anderen Quellen, die eben diese bestätigen, gesucht werden. Um die Glaubwürdigkeit zu überprüfen, ist es also sinnvoll, nicht bei der ursprünglichen Information zu bleiben, sondern die Suche außerhalb zu beginnen. Die Rede ist hierbei von kurzen „Scans“. Wie in Abb. 3 dargestellt, kann eine erste Google Suche bereits Hinweise auf die Glaubwürdigkeit der Information liefern, indem die Snippets der Links – kurze Inhaltsvorschauen – gelesen werden. 

Abbildung 3: Suchergebnisse Google

Wineburg und McGrew (2017: 33) raten hierbei, sich nicht nur auf die ersten Ergebnisse im Ranking zu stützen. Der letzte Link in Abb. 3 indiziert bspw. schon die Falschmeldung innerhalb eines Kettenbriefs. Nachdem nun einige Links ausgewählt und überflogen wurden, kann die Prüfung der Korrektheit solcher Nachrichten bei nachweislich hochwertigen Quellen erfolgen. Auch hier genügt es, sich einen Überblick bspw. über FAQs bei entsprechenden Seiten wie die anfangs genannten Seiten des RKI oder der WHO zu verschaffen. Abb. 4 zeigt die Falsifikation der Nachricht durch die WHO (vgl. WHO 2020a). Ein Selbsttest auf Corona sei demnach nicht möglich.

Abbildung 4: Myth Busters (vgl. WHO 2020a)

Ibuprofen gefährlich bei Corona?

Ein weiteres Thema, welches mitunter auch kontrovers diskutiert wird, ist der Einfluss einer Einnahme von Ibuprofen auf eine bestehende Erkrankung mit dem Coronavirus. Zunächst kursierte dazu eine Sprachnachricht, die eine Studie der Universität Wien erwähnte, welche angeblich von einem negativen Einfluss von Ibuprofen auf den Krankheitsverlauf von Covid-19 ermittelt habe. Wird die von Caulfield (2017) vorgestellte Methode angewendet, um diese Informationen zu überprüfen, sollte in einem ersten Schritt nach bereits vorhandenen Überprüfungen aus vertrauenswürdigen Quellen gesucht werden. Über eine entsprechende Suche zu den Stichworten “Corona Ibuprofen Uni Wien” kann beispielsweise ein Artikel des Nachrichtensenders ntv gefunden werden, in welchem erwähnt wird, dass die Universität Wien die Existenz einer solchen Studie dementiert habe. Gleichzeitig werden in diesem Artikel aber auch andere Aspekte des Themas aufgegriffen, etwa eine Warnung des französischen Gesundheitsministeriums vor der Einnahme von Ibuprofen und anderen Medikamenten bei einer Coronaerkrankung (vgl. ntv 2020). Hier wird die Komplexität des Themas deutlich. In einem zweiten Schritt kann nach Caulfield (2017) nun “flussaufwärts” nach der Originalquelle gesucht werden. Beschäftigt man sich mit den Onlineauftritten der Uni Wien, wird hierbei schnell deutlich, dass eine solche Studie tatsächlich nicht durchgeführt worden ist und es sich dabei um eine Falschmeldung handelt, wie die Universität selbst auf ihrem Twitterprofil verkündet. Die entsprechende Meldung ist in Abb. 5 zu sehen.

Abbildung 5: Twitter Meldung Universität Wien (vgl. Universität Wien 2020)

Da die Meldung nun bereits durch zwei verschiedene Quellen, welche allgemein als zuverlässig zu betrachten sind, falsifiziert wurde, kann an dieser Stelle zumindest die ursprüngliche Nachricht als Falschmeldung klassifiziert werden. In dem erwähnten Artikel von ntv wird jedoch zusätzlich die Warnung des französischen Gesundheitsministeriums erwähnt, womit deutlich wird, dass dieses Thema weitaus komplexer ist. Hier ist also der vierte Schritt nach Caulfield (2019) anzuwenden, nämlich das Zurücktreten und das erneute Prüfen der Information vor dem Hintergrund der bereits ermittelten Informationen. Hier wäre bspw. eine Suche nach der Originalmeldung aus dem französischen Gesundheitsministerium denkbar oder eine bereits erfolgte Bewertung dieser Meldung. Eine solche Untersuchung würde an dieser Stelle jedoch zu umfangreich, sodass hier lediglich gezeigt werden konnte, wie die ursprüngliche Nachricht über eine Studie der Universität Wien zu negativen Auswirkungen von Ibuprofen auf Covid-19-Patient*innen kritisch untersucht werden kann.

Die vorgestellten Beispiele zeigen einerseits auf, dass zu Themen rund um das Coronavirus verschiedenste Falschmeldungen kursieren, sodass ein kritischer Umgang mit (Online-)Informationen zwingend notwendig ist. Andererseits wird aber auch deutlich, dass sich Nachrichten mit einfachen Methoden, wie denen von Wineburg und McGrew (2017) oder Caulfield (2017), schnell und verhältnismäßig sicher überprüfen lassen, sodass Fehlinformationen aufgedeckt und auch an der Weiterverbreitung gehindert werden können.

Den Artikel als PDF-Datei finden Sie hier.

Veröffentlich am: 16.04.2020 
Autor:innen: Johanna Zellmer, Hannah Mitera, Daphné Çetta & Joachim Griesbaum


Verwendete Literatur


Was sind andere Fake News rund um das Coronavirus? Gibt es konkrete Hinweise für die Erkennung dieser? Und welche zusätzlichen Aspekte können bei der Bewertung von digitalen Informationen nützlich sein?

Wir freuen uns über Anregungen und weitere Hinweise!