von Sylvia Kullmann & Johannes Hiebl

»Erziehung zur Mündigkeit: Informationskompetenz und Demokratiekompetenz als Bildungsziele« – Sylvia Kullmann & Johannes Hiebl

Informationskompetenz und Demokratiekompetenz stellen Schlüsselkompetenzen in modernen, demokratisch organisierten Gesellschaften dar. Informationskompetenz umfasst die Fähigkeit, in allen Lebenssituationen, bestehende Informationsbedarfe zu erkennen und zu spezifizieren, geeignete Suchstrategien zu entwickeln und an den Suchverlauf anzupassen, passende Suchumgebungen auszuwählen, gefundene Informationen und deren Quellen hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Aktualität zu bewerten sowie Suchergebnisse angemessen zu organisieren und unter Beachtung von rechtlichen und ethischen Normen ggf. weiterzuverwenden [1][2]. Demokratiekompetenz stellt unter anderem die Fähigkeit zum kritischen Denken, zur (Selbst-)Reflektion, zum Problemlösen, zum Treffen von fundierten Entscheidungen sowie zur Urteils- und Diskursfähigkeit dar [3][4].

Gemäß Kultusministerkonferenz sollen Schülerinnen und Schüler „zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern erzogen werden, die verantwortungsvoll, selbstkritisch und konstruktiv ihr berufliches und privates Leben gestalten und am politischen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen“ [5]. Mündigkeit ist dabei selbst als „Kompetenz zu interpretieren, und zwar in einem dreifachen Sinne: a) als Selbstkompetenz (self competence), d. h. als Fähigkeit, für sich selbstverantwortlich handeln zu können, b) als Sachkompetenz, d. h. als Fähigkeit, für Sachbereiche urteils- und handlungsfähig und damit zuständig sein zu können, und c) als Sozialkompetenz, d. h. als Fähigkeit, für sozial, gesellschaftlich und politisch relevante Sach- oder Sozialbereiche urteils- und handlungsfähig und also ebenfalls zuständig sein zu können.“ [6]. Alle drei Kompetenzen können primär einem von uns verorteten Bereich des methodischen Wissens zugeordnet werden.

Informations- und Demokratiekompetenz sind für den Bildungsauftrag der Mündigkeit als zentral anzusehen. Wir schlagen vor, beide Kompetenzen als komplementär zueinander zu betrachten und zu untersuchen, inwiefern diese korrelieren. Die Annahme der Komplementarität wollen wir anhand des folgenden Beispiels begründen: um Fake News in sozialen Medien entlarven zu können, bedarf es zum einen der Fähigkeit zum kritischen Denken und Urteilen, um dargebotene Fakten überhaupt in Frage stellen zu können (Demokratiekompetenz). Zum anderen ist die Fähigkeit zum Prüfen von Darstellungen durch Konsultation weiterer, geeigneter Informationsquellen und zum Bewerten der Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit der dort gefundenen Informationen (Informationskompetenz) notwendig. Die Bewertung der Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit von Quellen ist wiederrum ohne eine ausreichende Urteilsfähigkeit und Sachkenntnis nicht möglich (Demokratiekompetenz). Interessant ist weiterhin die Frage nach möglichen Korrelationen der beiden Kompetenzen, d. h. ob und wenn ja in welchem Maße zum Beispiel eine hohe Informationskompetenz mit einer hohen Demokratiekompetenz einhergeht und umgekehrt.

Bildungsstandards und Kerncurricula sowie Lehrpläne von Schulen in Deutschland erkennen die Bedeutung der Informationskompetenz und Demokratiekompetenz für den Bildungsauftrag der Mündigkeit an und tragen dem grundsätzlich Rechnung [7][8][9], wenn auch keine explizite Nennung dieser beiden Begriffe erfolgt. Am Beispiel des Sozialkundeunterrichts in Realschulen des Landes Hessen wird aber deutlich, dass den Schülerinnen und Schülern durch entsprechende Unterrichtsinhalte und -methoden sowie einschlägige Arbeitsaufträge wesentliche Fähigkeiten, die unter Informations- und Demokratiekompetenz zu fassen sind, vermittelt werden sollen. Informationskompetenz ist zudem im Abschlussprofil der Klasse 10 verankert. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass Schnittstellen zu weiteren Kompetenzen wie der Medienkompetenz und digitaler Kompetenzen zunächst nicht weiter beleuchtet werden.

Wir schlagen vor, die praktische Verzahnung von Informations- und Demokratiekompetenz im Rahmen der Vermittlung im Schulunterricht im Detail zu untersuchen. Weiterhin schlagen wir vor, ein Kompetenzmodell für Schülerinnen und Schüler zu entwickeln, um beide Kompetenzen messbar zu machen. In einem zweiten Schritt möchten wir die Entwicklung von Informations- und Demokratiekompetenz bei Schülerinnen und Schülern in Deutschland anhand von Determinanten sozialer Ungleichheit im Sinne von Bildungsgerechtigkeit analysieren und die Folgen für eine demokratische Gesellschaft beleuchten.

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Quellen

[1] Carretero, S.; Vuorikari, R. and Punie, Y. (2017): DigComp 2.1: The Digital Competence Framework for Citizens with eight proficiency levels and examples of use. doi:10.2760/38842. S. 23-25
[2] American Library Association (ALA), Association for College and Research Libraries (ACRL) (2000): Information Literacy Competency Standards for Higher Education. http://hdl.handle.net/10150/105645. S. 2-3.
[3] Detjen, J. (2002): Die Demokratiekompetenz der Bürger, Herausforderung für die politische Bildung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (B25/2000). Bundeszentrale für Politische Aufklärung.
[4] Himmelmann, G. (2005): Was ist Demokratiekompetenz? Ein Vergleich von Kompetenzmodellen unter Berücksichtigung internationaler Ansätze. Berlin : BLK 2005, (Beiträge zur Demokratiepädagogik) – URN: urn:nbn:de:0111-opus-2577
[5] Veröffentlichungen der Kultusministerkonferenz (2004), Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz, https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2004/2004_12_16-Bildungsstandards-Konzeption-Entwicklung.pdf. S. 6-7. 25.05.2020.
[6] Roth, H. (1971): Pädagogische Anthropologie. Band II – Entwicklung und Erziehung – Grundlagen einer Entwicklungspädagogik. Hannover: Hermann Schroedel. S. 180
[7] Hessisches Schulgesetz in der Fassung von 2017, § 2 Abs. 3 Satz 4, https://kultusministerium.hessen.de/sites/default/files/media/hkm/lesefassung_schulgesetz_mit_inhaltsverzeichnis_zweispaltig_stand_30.05.2018.pdf. 25.05.2020.
[8] Hessisches Ministerium für Soziales und Integration/Hessisches Kultusministerium (2014): Bildung von Anfang an. Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Hessen.
Poster-Beitrag Kullmann/Hiebl Hildesheim, Juni 2020
https://soziales.hessen.de/sites/default/files/media/hsm/bildungs-und_erziehungsplan_2015-08-27.pdf. S. 43. 25.05.2020.
[9] Hessisches Kultusministerium: Bildungsstandards, Kerncurricula und Lehrpläne. https://kultusministerium.hessen.de/schulsystem/bildungsstandards-kerncurricula-und-lehrplaene/kerncurricula. 25.05.2020.


Über die AutorInnen

Sylvia Kullmann, M. Sc. Informationswissenschaft, forscht am DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation im Informationszentrum Bildung (IZB) zu Offenen Bildungsinfrastrukturen, Informationskompetenz und Informationsverhalten. Im Rahmen des Projekts „EduArc – Digitale Bildungsarchitekturen. Offene Lernressourcen in verteilten Lerninfrastrukturen.“ ist sie für die Themen Metadaten und Suche verantwortlich.

Johannes Hiebl, M. A. Soziologie, forscht am DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation im Informationszentrum Bildung (IZB) zu Herstellungspraktiken von Bildungsressourcen und Offenen Bildungsinfrastrukturen. Er ist Lehrbeauftragter an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg im Übergreifenden Studienbereich 01 – Ungleichheit, Diversität und Inklusion im Bildungskontext.


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